Goslarsche Zeitung vom 16.4.2008 - geringfügig verändert -

Von Teens, Tabus und Störchen
 

Viel Applaus für Theater AG mit "Frühlings Erwachen"

Von Janina Jankowski

Wenn „erste männliche Regungen" bei Teenagern für Todesängste sorgen, und 14-jährige Mädels noch an den Kinder bringenden Storch glauben, dann läuft etwas falsch. Oder man befindet sich vielleicht einfach in Frank Wedekinds Stück „Frühlings Erwachen". Mit dem feierte die Theater AG des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in der ausverkauften Aula unter der Leitung von Lehrerin Britta Strese am Montagabend eine gelungene Premiere und schob eine ebenso runde Vorstellung am Dienstag nach.

Elektrobeats füllen die Aula zum Auftakt. Der Schriftzug „Lebe Dein Leben" prangt in fetten Buchstaben über der Bühne. Und zwischen den kleinbürgerlichen Moralvorstellungen des wilhelminischen Kaiserreichs des 19. Jahrhunderts sollte eigentlich für die Schüler Wendla Bergmann (Tami Beer), Melchior Gabor (Pero Dosenovic), Moritz Stiefel (Rashid Naser) und Co. getreu nach Nenas Song „irgendwie irgendwann irgendwo die Zukunft" anfangen. Dass das nicht so einfach ist und Jugendliche nicht einfach „funktionieren", wird schnell klar.

Und trotz Ausflügen in die Moderne mit Musik, Dialogen und den sexy gestylten Models Ilse (Marianna Burchardt) und Lene (Hülya Poyraz) sowie humoriger Einlagen wie von Danny Ueberschär, der mit seiner Darstellung verbohrter, zu Marschmusik stolzierender Lehrer passend zum an die Wand projizierten Bildnisses von Kaiser Wilhelm ein komisches Talent bewies, verlor das Stück nicht an Ernsthaftigkeit.

Dem Zuschauer blieb am Ende das Lachen im Halse stecken. Denn deutlich bewiesen die 16 Schauspieler trotz einer gewissen beabsichtigten Komik viel Sensibilität für die durch sexuelle Tabuisierung und enge gesellschaftlichen Muster entstehenden Probleme. Sie zeigten, wie Moralvorstellungen der Eltern zwei Jugendliche in den Tod treiben. Die unaufgeklärte Wendla stirbt nach einer von der Mutter erzwungenen Abtreibung. Der schlechte Schüler Moritz erschießt sich, weil er dem Leistungsdruck nicht Stand hält.

Und wer weiterlebt, wird kämpfen müssen. Für ein Leben neben den Normen, für homosexuelle Liebe oder gegen das Trauma, von den Eltern geschlagen worden zu sein. So fangen im Laufe des Stücks zeitliche Grenzen an zu verschwimmen. Und so manch ein Zuschauer des 21. Jahrhunderts wird sich nach Abebben des verdient kräftigen Applauses vielleicht mit Blick auf diese Probleme gefragt haben: Hat sich mittlerweile wirklich alles geändert?


Foto rechts:
Die 14-jährige Wendla (Tami Beer, 2. v. l.) weiß noch nicht, dass sie nicht krank, sondern schwanger ist. Der Arzt (Julia Sturm, rechts) ist zur Untersuchung gekommen. Wendlas Mutter (Viktoria Dewald, links) und ihre Schwester (Marieke Düber) halten Händchen.
Foto: Jankowski

Wendla wird untersucht

Personen und Darsteller:  
Frau Bergmann Viktoria Dewald
Wendla Bergmann Tami Beer
Frau Bessel Franziska Hauschild
Frau Gabor / Model Lene Hülya Poyraz
Martha Bessel Isanna Herden
Thea Ina Lechner
"Unsichtbares Straßenkind" Navina Bonsack
Melchior Gabor Pero Dosenovic
Moritz Stiefel Rashid Naser
Hänschen Rilow / Herr Stiefel Florian Hinze
Sämtliche Lehrer und Hausmeister Danny Ueberschär
Pastor / Arzt Julia Sturm
Ina Müller (Wendlas Schwester) Marieke Düber
Model Ilse / Frau Dingel Marianna Burchardt
Herr Gabor / Ernst Göbel Cedrik Wilm
Maskierte Gestalt Annika Gärtner
Sämtliche Lehrer und Hausmeister Danny Ueberschär
   
Technik:  
Licht / Musik / Projektionen Mathias Hartewieg, Jan Taeschner, Jaqueline Wiehe, André Volkmer
   
Fotografien für Projektionen Mathias Hartewieg, Jan Taeschner, Britta Strese
   
Plakate Klasse 9c unter Leitung von Frau Schulze
   
Requisite Kunst-AG unter Leitung von Frau Schulze
   
Kulisse Olaf Homuth, Herr Nitschke
   
Regie: Britta Strese

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