Das andere Indien
 


repariert, funktioniert, bleibt so
 


Indischer Standardbesen, Delhi

Völlig normale Anblicke in den meisten
Städten


Jaipur
 

Müllentsorgung direkt vor unseren Augen

 
Jaipur


Jaipur


 
Haridwar, neben dem Tempel


Agra

 

 

 

Indien ist ein Land so voller Gegensätze. So traumhaft die Strände, unwahrscheinlich leuchtend das Grün, so fantastisch die Paläste, Moscheen und Tempel, abseits der von Touristen angesteuerten Sehenswürdigkeiten sieht die Realität meist erschreckend anders aus. Direkt neben dem Taj Mahal, einem der schönsten Gebäude der Welt zeigt sich die im Straßendreck lebende Armut völlig unverblümt. Die "normalen" Touristen hier kommen mit Bussen aus den Luxushotels am Stadtrand angefahren und reisen nach erfolgter Besichtigung sofort ins nächste Luxusresort der nächsten Sehenswürdigkeit wieder ab.

Wir fühlen uns oft hin- und hergerissen.

Sind wir nach vielen Negativerfahrungen gerade mal wieder in schlechter Stimmung, dann klingt unser Bericht so:

Alles ist so unglaublich dreckig, nicht funktionierend, dass wir ganz sprachlos sind. Sicherlich liegt das daran, dass wir immer mehr in das "wirkliche", arme Indien eintauchen. Wir sind in Hotels der Mittelklasse, die nach außen allen Komfort verströmen, tolle Eingangshalle, Wasserspiele, edle Wendeltreppen, Swimmingpool, schönes Dekor an den Wänden, überall schniekelige Hotelboys in adretten Uniformen (natürlich keine einzige Frau, die Jobs sind zu begehrt!) und dann, in den Zimmern, funktioniert nur die Hälfte der Lampen, Heißwasser ist lauwarm, Fenster gehen nicht auf oder schließen nicht richtig (von 10 Riegeln funktionieren vielleicht zwei einwandfrei), Armaturen lecken, Klodeckel wackeln, das schöne Marmorwaschbecken steht immer unter Wasser. Das einzig einigermaßen saubere ist meisten der Fußboden im Bad, da die Dusche (ohne Duschwanne) meist auf der einen Seite und der Abfluss diagonal gegenüber auf der anderen Seite des Badezimmers angebracht ist. So werden die Füße bei jedem Klogang immer schön nass gehalten. Vor kurzem stieß ich versehentlich mit dem Kopf gegen einen Wasserhahn in der Wand. Der "Klügere" war zu meinem Glück und Entsetzen tatsächlich der Hahn. Mit einem leisen, nur geflüstertem Schmatz klappte er zur Seite und gab eine Wasserfontäne frei. Ich hatte nicht einmal die Andeutung eine Beule. Der indsche Installateur wollte es nicht glauben und fühle mehrmals auf meinem Kopf herum. Nach einer Stunde lautstarker Arbeit hatten sie den alten Hahn heraus (das Gewinde war einfach abgerissen), und den neuen Hahn installiert, eingebaut in ein frisch in die Kacheln gestemmtes monströses Loch von doppelter Größe wie die zugehörige Chromblende. Das war in einer guten Anlage! Böse Zungen behaupten, die Inder verwendeten Materialien, die künstlich vorgealtert sind. Ich habe schon Gebäude auf 15/20 Jahre geschätzt, die erst ein Jahr alt waren. Harte gewordene, nicht entfernte Reste von Putz, Fugenmittel, und Farbe am Boden sind völlig normal und stören keinen großen Geist.

Der Dreck in den Straßen ist unglaublich. Das gilt für die kleinen, aber auch für die Großstädte. Alles was außerhalb der eigenen vier Wände ist, wird als Müllhalde betrachtet. Für die überall frei herumlaufenden Kühe, Schweine und Affen Haupternährungsquelle. Als Dank hinterlassen sie ihre Fäkalien wohin immer man blickt. Ab und zu werden mit einem Strohbesen von ca. 1m Länge Papier, Kot, Essensreste und Plastik auf einen Haufen zusammengekehrt und an Ort und Stelle verbrannt. Dichte Rauchschwaden konkurieren hart mit den Dieselschwaden der Rikshas.

Wenn man sich dann im Zickzackkurs durch eine vielbefahrene Straße voll von ununterbrochen laut hupender Autos, Motorrikshas und Mopeds quält, wenn man Probleme hat, den Massen von Kuhfladen auf dem Asphalt zu entgehen, wenn man immer wieder den in hohen Bogen ihren ekligen Rotz direkt vor die Füße spuckenden Männern ausweichen muss und alle paar Meter einen an irgendeine Hauswand pissen sieht, dann, sind wir tatsächlich mal wieder in schlechter Stimmung. In Werbespots der Kinos der 80’ er Jahre startete die Indische Regierung eine offizieller Kampagne in denen alle Bürger aufgefordert wurden, in der Öffentlichkeit nicht zu spucken, in der Nase zu bohren, zu urinieren, und sich nicht an den Genitalien zu kratzen. All das ist heute noch ein allzu vertrautes Bild.

Die Angewohneit von vielen Indern, Papier, Plastik, Schmutz, Scheiße, Rotz und Spucke, Essensreste, Wasser und Pisse als normale Bestandteile ihres Lebens anzusehen, befremdet uns zutiefst.

Wir staunen immer wieder über die so ungewohnten Umgangsformen der Menschen untereinander. Hier sagt man nicht bitte und danke, auch nicht hallo, wenn man ein Geschäft betritt, nach dem Weg fragt oder eine Rikscha ordert. Man platzt einfach los mit dem was man will und geht hinterher ohne Dankesformel und Verabschiedung wieder weg. Schlange stehen vorm Fahrkartenschalter gibt es nicht. Von drei Seiten stecken die Menschen ihre Hände durch das Fenster. Als ich vorm EC-Automaten respektvoll 1,5m Abstand hielt, weil jemand vor mir dran war, versuchten sich zwei Leute dazwischen zu drängen. Die bemerken das gar nicht. Als ich meinen PIN-Code eintippen wollte, stand jemand auf Tuchfühlung hinter mir, als hätte ich ihn gebeten für mich zu tippen.

Überhaupt scheinen die Begriffe Höflichkeit, Rücksicht und Charme bei den Allermeisten unbekannt zu sein. Das ist leider wirklich nicht übertrieben. Die Menschen sind durchaus freundlich und hilfsbereit, verkneifen sich aber dabei meist jede Höflichkeitsformel und jedes freundliche Lächeln. Das ist für uns Europäer, für die Floskeln, Mimik und Körpersprache so wichtig ist, immer wieder sehr verwirrend.

Auch die Mahlzeiten bei indischen Bekannten sind für uns außerst gewöhnungsbedürftig. Dass sie in krummer Sitzhaltung über den Teller gebeugt, mit der Hand ihr Essen in den Mund schaufeln, kennen wir schon. Außerdem darf gerülpst und geschmatzt werden. Übergeschwapptes wird nicht vom Tisch gewischt. Die Handys liegen direkt neben den Tellern. Klingelt eines, wird mit der sauberen Hand (man ißt nur mit der rechten) aufgenommen. Jedes persönliche Gespräch wird ohne Entschuldigung abrupt unterbrochen und dabei am Tisch laut telefoniert. Wir bekommen das Essen entweder ungefragt auf den Teller gehäuft oder es steht am Ende des Tisches, wird aber von dort nicht weitergereicht. Keiner bemerkt es. Interessanterweise gibt es für unser Wort Bitte" auch gar keine Entsprechung. "Bitte einen Chai-Tee" heißt "venam Chai" (brauche Chai).

 

Überwiegend sind wir natürlich in guter Stimmung, dann klingt der Bericht so wie im fortlaufenden Tagebuch sehr viel positiver:

Indien, dieser riesige Subkontinent, so viel größer als das Europa, das wir kennen, hat wunderschöne Seiten. Vor allem die Natur ist berauschend üppig und grün. Viele exotische Bäume, Früchte, Gewürze, Blumen, Vögel, Landtiere. Es ist schon etwas anderes, Elefanten, Affen, Papageien in freier Wildbahn zu sehen. Es ist kaum zu begreifen, wie diese unglaubliche Masse an Menschen, Kühen, Hunden, Schweinen, Ziegen, Affen, Tauben, Krähen, Schwarzmilanen, Streifenhörnchen uva. in den übervölkerten Großstädten nebeneinanderher existieren. Wie ein riesiger lebendiger Organismus pulsiert das Leben durch die Straßen. Immerfort sich ausbreitend, einander ausweichend, an jedem möglichen Fleckchen Nahrung zubereitend, verschlingend, ausscheidend. Eine regulierende Ordnung ist nicht zu erkennen, weder im Straßenverkehr noch im Umgang der Lebewesen untereinander. Das perfekte, aber funktionierende Chaos. So ungefähr muss es vor vielen Jahren bei uns auch mal gewesen sein. Schon beeindruckend.

Wo immer wir Inder im touristischen Bereich gertroffen haben, war der Umgang völlig höflich, freundlich, zuvorkommend, aufgeschlossen, interessiert, so wie wir es (meist) von zu Haus gewohnt sind.

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